EZB-Rat: Leitzinsen in Europa steigen so stark wie nie

EZB-Rat: Leitzinsen in Europa steigen so stark wie nie

09.09.2022
Die Europäische Zentralbank (EZB) steht seit langem unter Beobachtung. Viele Wirtschaftsverbände in Europa hatten wiederholt gefordert, die Währungshüter müssten stärker von ihrem wichtigsten Instrument zur Eindämmung einer drohenden Wirtschaftskrise Gebrauch machen. Die Leitzinsen sind das Schwergewicht unter den Mitteln der EZB zur Lenkung der Ökonomie. Schon im August dieses Jahres hatte EZB-Chefin Christine Lagarde nach der turnusmäßigen Ratssitzung in der Bankenmetropole Frankfurt am Main eine klare Anhebung des Leitzinssatzes um 0,5 Prozentpunkte angekündigt. Für manchen Experten war dies nicht genug. Die weiterhin steigende Inflationsrate veranlasste die EZB nun zu einer noch deutlicheren Anhebung. Dass diese Maßnahme erfolgreich und ohne größere Risiken sein wird, bezweifelt jedoch eine Reihe von Analysten.

Zentralbank reagiert auf neuen Inflationsrekord

Ausgangspunkt für die richtungweisende Entscheidung der Europäischen Zentralbank zum Ende dieser zweiten Septemberwoche war wohl vor allem die Bekanntgabe der aktuellen Inflationsdaten für den August 2022. So kletterte die Teuerungsrate in der Eurozone auf einen neuen Rekord von 9,1 Prozent. Hier zeigte sich also, dass die im vergangenen Monat eingeläutete Zinswende zumindest kurzfristig nicht die nötige Wirkung erkennen ließ. Eben deshalb reagierte die EZB auf die Rekordinflation mit einer ebensolchen Rekordanpassung der Leitzinsen für den Euroraum um ganze 0,75 Prozentpunkte. Dabei handelt es sich um nichts weniger als die stärkste Erhöhung der Leitzinsen seit Einführung des Euro im Jahr 2022. EZB-Präsidenten Lagarde betonte in ihrer Stellungnahme, unter den Ratsmitgliedern habe keineswegs Einigkeit vorgeherrscht, ob diese Zinsentscheidung der Situation angemessen ist. Zuletzt aber habe sich der Rat am Ende der Gespräche einstimmig für den Schritt ausgesprochen.

EZB will der Teuerung entschlossener entgegentreten

Für viele Beobachter steht fest, dass es für die EZB zwar vorrangig um die Bekämpfung der Rekordinflation gehe – aber nicht allein darum. So stehe wegen der oft kritisierten Zurückhaltung der Zentralbanker in gewisser Weise auch die Glaubwürdigkeit der Europäischen Zentralbank als solcher auf dem Spiel. EZB-Chefin Lagarde erläuterte hingegen, die inzwischen dritte Anhebung der Leitzinsen solle die Angst der Wirtschaftsteilnehmer vor einem weiteren Inflationsanstieg senken. Insofern ist die historisch einmalige Anhebung seit 20 Jahren durchaus ein wichtiges Signal. Das große Aber aus Sicht von Experten: Die vermeintlich positiven Effekte der neuen Anhebung dürfte erst mit einigem Verzug Wirkung zeigen. Bis es so weit ist, werden Verbraucher die Auswirkungen der angespannten Wirtschaftslage und des Krieges noch auf unabsehbare Zeit spüren.

Banken müssen spürbar mehr für Kredite von der EZB zahlen

Wichtig ist die Entscheidung dennoch, den sogenannten Hauptrefinanzierungssatz in der kommenden Woche zum Stichtag 14.09.2022 auf dann 1,25 Prozent zu erhöhen. Der Zinssatz gibt die Konditionen vor, zu denen sich Banken Geld von der EZB leihen können. Was die Zentralbank mit ihrer Entscheidung demonstriert, ist trotz aller Kritik Entschlossenheit. Die Währungshüter scheuen sich mittlerweile nicht mehr, in bisher unerreichter Deutlichkeit in den Markt einzugreifen. Schließlich hatte sich gezeigt, dass die Anpassung um 0,5 Prozentpunkte im Vormonat nicht ausreichend war, um die Folgen der grassierenden Inflation abzupuffern. Die höheren Leitzinsen, so die Hoffnung der Währungshüter, soll nun weitere Ausbrüche der Teuerungsraten in Europa verhindern, wenigstens aber abmildern. Vergleichbare Wirtschaftsentwicklungen gab es seit Gründung der Währungsgemeinschaft nicht. Selbst die Finanzkrise nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers war für die Wirtschaft nicht so folgenschwer wie der Krieg in der Ukraine in Verbindung mit der globalen Pandemie.

Währungshüter passen auch Wachstums-Erwartungen deutlich an

Dessen ist sich auch die EZB bewusst. Christine Lagarde verweist in der Begründung der Zinsanhebung auch und gerade auf die Gaskrise als Inflationstreiber. Mit Blick auf die konjunkturellen Erwartungen dürfte die Wirtschaft in der Eurozone langer wachsen. Auch eine Stagnation schließt die Zentralbank nicht aus. Analysten gehen bis zum Ende des laufenden Jahres nur noch von einem Wachstum in Höhe von 3,1 Prozent aus. Für 2024 gehen die EZB-Berechnungen für die Euroländer inzwischen nur noch von einem Plus in Höhe von 0,9 Prozent aus. Zuvor lag die Wachstums-Erwartung im Juni dieses Jahres noch bei 2,1 Prozent. Grund für die Korrektur der Prognose sind insbesondere die massiv gestiegenen Energiepreise. Aber auch die noch immer gestörten Lieferketten bedrohen das Wachstum.

Diese Probleme dürften die Wirtschaft und Verbraucher noch eine ganze Weile begleiten, wie die Vorhersage zum Wachstum der EU-Wirtschaft für das Jahr 2024 verdeutlicht. Für das besagte Jahr ging das EZB-Gremium nur noch von einem Wachstum in Höhe von 1,9 Prozent statt wie bisher 2,1 Prozent aus. Zugleich rechnet die EZB mit anhaltend hohen Lebensmittelpreisen.

Entspannung wird frühestens ab 2024 erwartet

Die allgemein angestrebte Inflationsrate von 2,0 Prozent erklärte die EZB-Chefin „voraussichtlich für längere Zeit“ für nicht erreichbar. Für die Eurozone rechnen die Volkswirte der Zentralbank bis Jahresende im Durchschnitt mit einer Teuerung von 8,1 Prozent. Um zwei Prozent auf nun 5,5 Prozent korrigierten die Währungshüter die Prognose für das Jahr 2024. Eine Entspannung erwartet die EZB erst für 2024. Sollten sich die Erwartungen bestätigen, würde die Inflationsrate dann im Idealfall auf 2,3 Prozent und damit knapp über den Zielwert von 2,0 Prozent fallen. Der erhebliche Preisdruck bei Energie und Lebensmitteln sowie die sehr hohe Nachfrage nach Abebben der Pandemie in vielen Bereichen könnten jedoch durch eine Zuspitzung des Kriegsverlaufs stetig zunehmen. Bewähren muss sich die Anhebung der Leitzinsen auch vor dem Hintergrund, dass ab dem Herbst neue Corona-Wellen auftreten könnten. Fraglich ist, zu welchen weiteren Schritten die Europäische Zentralbank dann bereit wäre. Einstweilen begrüßen viele Länder, Politiker und Analysten die Entscheidung der EZB.

Ifo-Präsident hält zusätzliche Zinsanhebungen für unverzichtbar

Bundesfinanzminister Christian Lindner sieht in der Zinsanhebung einen „starken Zinsschritt“, um der „außerordentlich herausfordernden Lage“ der europäischen Wirtschaft und der Inflation Herr zu werden. Clemens Fuest, Präsident des renommierten ifo-Instituts, verwies darauf, es sei wichtig, dass ein solcher Schritt überhaupt kommt. Frei nach dem Motto „besser spät als nie“. Es werde in naher Zukunft jedoch noch weitere Leitzinserhöhungen brauchen, da die Zinsen nach wie vor auf einem sehr geringen Niveau liegen. Wichtig ist die Anhebung nicht zuletzt für Anleger. Nicht nur werden nun höchstwahrscheinlich noch mehr Banken Strafzinsen auf Kontoeinlagen abschaffen. Die Zinsen auf klassische Anlagen wie Tages- und Festgeld dürften durch die strengere Geldpolitik der EZB endlich wieder steigen. Für Kreditnehmer bedeuten höheren Leitzinsen hingegen steigende Kosten bei Finanzierungen. Eine zu schnelle Normalisierung der seit Jahren extrem lockeren Zinspolitik sehen auch Vertreter der Europäischen Zentralbank kritisch. Sie könnte ihrerseits zur Bremse für die Konjunktur in Europa werden.